Die Suche nach dem Sinn des Lebens

“Ich geh raus, bis später!”, ruft Neela und zieht sich ihre Schuhe an. “Wo willst du denn hin?”, Papa steckt den Kopf in den Flur. “Ich geh den Sinn des Lebens suchen”, erklärt Neela und greift nach der Türklinke. “Aha? Hast du ihn verloren?”, fragt Papa erstaunt. Neela verdreht die Augen und ist schon auf dem Treppenabsatz. “Um 18 Uhr gibt es Abendessen, ich mach Lasagne!”, ruft Papa ihr noch hinterher.

Sie weiß ganz genau, wo sie mit der Suche anfängt. In der Stadtbücherei arbeitet Kim, und Kim weiß immer eine Antwort. Sie schildert ihr Anliegen und Kim nickt wissend: “Letztens hab ich genau dazu ein Buch gelesen, warte ich hol es kurz.” Neela setzt sich hin und freut sich. Dass es so einfach gewesen wäre, hätte sie nicht gedacht. Da kommt Kim auch schon wieder “Hier, von Viktor Frankl. Er hat gesagt, dass der Sinn des Lebens darin besteht, dass wir uns diese Frage stellen! Hier: ‘Nicht wir dürfen nach dem Sinn des Lebens fragen – das Leben ist es, das Fragen stellt, Fragen an uns richtet – wir sind die Befragten!’” “Aha. Vielen Dank”, sagt Neela höflich und denkt, dass Kim auch ein bisschen frische Luft gebrauchen könnte, das sagt Papa immer. „Das war’s schon?”, fragt Kim erfreut, “Hast du noch mehr Fragen?” “Nein, heute nicht”, lächelt Neela xiem zu und verabschiedet sich. 

Auf der Straße überlegt sie, wie sie weitersuchen soll. In einem der Vorgärten schnippelt eine alte Dame an den Rosen herum. “Suchst du was?”, sie lächelt Neela freundlich an. “Ja, ich suche den Sinn des Lebens. Haben Sie ihn vielleicht gesehen?”, fragt Neela höflich. Die alte Dame guckt sie erstaunt an: “Weißt du, mit dem Sinn des Lebens ist es wie mit dem Glück. Man darf es nicht suchen, es kommt, um einen zu finden.” “Dann wartest du hier darauf?”, fragt Neela neugierig. “Ja, schon sehr lange”, seufzt die alte Dame und sieht auf einmal ganz traurig aus, “Aber bisher ist er nicht vorbeigekommen.” “Vielleicht musst du ihm ein Stück entgegen laufen?”, schlägt Neela vor, “Wenn ich ihn finde, geb ich auf jeden Fall Bescheid.” “Mach das mal”, sagt die alte Dame und winkt ihr nachdenklich nach. 

Am Gemüseladen steht der Gemüseverkäufer und sortiert Artischocken. “Hallo Neela”, ruft er ihr zu, “Was ziehst du denn für ein Gesicht?” “Ich suche den Sinn des Lebens”, erklärt ihm Neela. “Achso, wenn’s weiter nichts ist. Den hab ich schon vor langer Zeit gefunden.” Fröhlich pfeifend packt er eine Kiste Blumenkohl aus. “Echt? Wo denn?”, Neela schaut ihn groß an. “Na hier, zwischen den Gemüsekisten”, lacht der Gemüseverkäufer. “Hier?”, fragt Neela misstrauisch und wirft einen Blick unter die Auslage. “Natürlich. Aber wo du ihn findest, kann ich dir nicht sagen, da musst du schon selbst suchen. Möchtest du eine Weintraube?” Neela fühlt sich ein bisschen veralbert, aber die Weintrauben schmecken trotzdem gut.

Vor dem Einkaufszentrum sitzt ein Mann mit einem kleinen Hund und spielt Mundharmonika. Wunderschön klingt das. Neela hat ihn hier schon oft gesehen und wenn sie mit Papa einkaufen geht, darf sie ihm manchmal eine Mütze in den Hut werfen. Die Menschen hasten mit ihren Einkaufstüten vorbei, ein dicker Mann rempelt sie an und schimpft: “Pass doch auf!” Neela stolpert und wäre fast auf den Hut getreten. Der Musiker hört auf zu spielen. “Hast du dir weh getan?” “Nein”, murmelt Neela verlegen. “Sicher? Du siehst gar nicht gut aus.” “Nein, nein”, stammelt Neela, “Es ist nur, also, ich suche den Sinn des Lebens-” Sie unterbricht sich, weil der Hund an ihrem Bein schnüffelt. “Darf ich den mal streicheln?” Der Musiker nickt, der Hund stupst sie mit seiner feuchten Nase an und Neela kichert. “Ich glaube, den Sinn des Lebens muss man gar nicht suchen. Man kann ihn sich selbst erschaffen. Immer wieder, jeden Tag.” Neela guckt ihn erstaunt an. “Jeden Tag? Das klingt aber ganz schön anstrengend.” Der Musiker schmunzelt. “Ja, wirklich anstrengend. Aber es lohnt sich. Und für den Anfang reicht ja vielleicht auch einmal die Woche.” Dann fängt er wieder an zu spielen, wunderschön. Neela hört noch eine Weile zu, dann schlendert sie nach Hause.

Als sie die Tür aufschließt, weht ihr der Duft von Lasagne entgegen und sie hört Papa in der Küche klappern. “Da bist du ja”, freut sich Papa, “Hast du gefunden, was du suchst?” Neela denkt an Kim und die Fragen, die das Leben einem stellt, an die alte Dame, die schon so lange wartet und dem Glück jetzt vielleicht entgegen geht, den Gemüsehändler, der zwischen seinen Artischocken fündig geworden ist, an den Musiker und seinen Hund, die sich jeden Tag an die Arbeit machen und an die duftende Lasagne. Ihr wird ganz warm ums Herz. “Ja, ich glaube schon.”

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