Das Schaf José baut eine Sandburg

José steht auf dem Deich und guckt den Kindern beim Spielen zu. Er schaut ihnen gerne dabei zu, wie sie durch den Sand rennen und im Wasser planschen. Noch lieber wäre er allerdings selbst dabei. 

Heute ist ganz schön was los am Strand, obwohl das Wetter nicht besonders gut ist. Der Himmel ist grau und es nieselt. José mit seiner dicken Wolle macht das natürlich nichts aus. Die Kinder in ihren bunten Regenjacken scheint das Wetter auch nicht zu stören. José kneift die Augen zusammen und presst die Nase an den Maschendrahtzaun. Was machen die da nur? Heute wird nicht gerannt und geplanscht, die Kinder hocken allein oder in kleinen Grüppchen zusammen und graben im Sand. Vielleicht eine Schatzsuche?

Da kommen die zwei Möwen Tin und Theo angeflogen. “Hey, José!”, ruft Tin ihm zu, “Hast du schon vom großen Wettbewerb gehört?” 

“Ein Wettbewerb?”, fragt José. Tin landet auf dem Zaun, Theo auf José Rücken. “Ja klar, der Wettbewerb! Der ganze Strand redet doch von nichts anderem mehr!” Tin hüpft vom Zaun und pickt nach einem halben Fischbrötchen, das auf dem Weg liegt. “Ihr Schafe mal wieder, ihr kriegt wirklich gar nichts mit!” Theo hüpft ebenfalls auf den Weg und schnappt sich die saure Gurke. Mit vollem Mund erklärt sie: “Diese Woche findet ein Sandburgen-Wettbewerb statt. Schmatz, schmatz. Alle Kinder dürfen mitmachen. Mmmh, lecker. Morgen, schmatz, schmatz, gibt es sogar eine Preisverleihung. Kann ich die Zwiebeln haben?” 

José tippelt aufgeregt hin und her: “Ein Sandburgen-Wettbewerb! Das ist ja mähga-mähßig-spitzen-klasse, ich will unbedingt mitmachen!” Theo verschluckt sich fast an der letzten Zwiebel: “Du? Das geht nicht, du bist ein Schaf!” 

“Verfilzt und wollgewickelt!”, schimpft José, “Schafe dürfen aber auch gar nichts machen, was Spaß macht!” 

“Tja, Pech gehabt, aber so ist das Leben”, krächzt Tin und flattert auf den Zaun, “Komm Theo, wir gucken, ob es dahinten noch Pommes gibt.” Und schon sind die beiden wieder verschwunden.

José sieht ihnen nach, bis sie hinter der Imbissbude verschwunden sind. Dann schaut er wieder zu den Kindern. Einige schichten Sandberge auf, die größer sind als sie selbst, andere buddeln Gräben und wieder andere sammeln Muscheln, Seetang und Möwenfedern, die auf Türme und Zinnen gesteckt werden. José ist so in den Anblick vertieft, dass er die Möwen erst bemerkt, als Tin ihm ins Ohr krächzt. “He, du alter Wollpelz, bist du taub?” José seufzt: “Seht doch mal, wie viel Spaß die Kinder haben! Ich will den Wettbewerb ja gar nicht gewinnen, ich will nur mitmachen. Nur eine ganz, ganz kleine Sandburg … mit einem Burggraben natürlich … und einem Turm mit Muscheln auf den Zinnen und Möwenfedern auf der Spitze und-” 

“Möwenfedern?”, unterbricht ihn Theo und lässt ihren Keks fallen, “du würdest eine Sandburg mit Möwenfedern bauen? Dann sieht die Sache natürlich ganz anders aus.”

“Spinnt ihr eigentlich?”, krächzt Tin dazwischen, “José kann keine Sandburg bauen, weil er nämlich ein Schaf ist, schon vergessen?” 

“Na und?”, fragt José, seine Augen leuchten, “Ich werd trotzdem eine Sandburg bauen. Und zwar heute Nacht. Dann sieht mich auch niemand. Ich schleich mich einfach durch das Loch im Zaun und dann-”

“Moment mal!”, Tin tritt unruhig von einem Bein aufs andere, “Das alte Loch im Zaun? Schon wieder? Ganz schön riskant, wenn du mich fragst.” José winkt ab: “Ach Quatsch! Ich warte bis alle anderen schlafen und bin lange vor Sonnenaufgang zurück. Die werden gar nicht merken, dass ich weg bin.” Theo zuckt die Schultern: “Na gut. Ich bin dabei. Auf deine Verantwortung natürlich. Und sag nicht, wir hätten dich nicht gewarnt!” 

***

Nachts wartet José, bis alle Schafe eingeschlafen sind. Dann schleicht er von der schnarchenden Herde weg und quetscht sich durch das Loch im Zaun. Die Möwen warten schon. “Psst, José, hier drüben”, zischt Tin. “Hat dich auch wirklich niemand gesehen?” 

Gemeinsam schleichen sie zum Strand. “Wir haben den perfekten Platz für dich gefunden”, flüstert Theo und fliegt voran, “und zwar genau hier!” In der Dunkelheit taucht ein riesiger Berg auf. “Pass auf, dass du nicht in den Burggraben fällst”, krächzt Tin, “Der ist so tief, da kommst du nie wieder raus!” Jetzt erkennt José, dass der Berg eine Sandburg ist. Sie ist zehnmal so groß wie die anderen Burgen, eine richtige Monsterburg. “Oh”, murmelt José, er fühlt sich auf einmal ganz klein, “Dagegen hab ich natürlich keine Chance.” 

“Blödsinn”, schimpft Theo und zwickt ihn ins Ohr, “Das haben die Erwachsenen gebaut, das zählt nicht. Wir haben den Platz ausgesucht, weil du dahinter gut versteckt bist. Nachts ist hier nämlich die Strandwache unterwegs. Und guck mal, wir haben schon was vorbereitet.” Stolz breitet sie die Flügel aus und deutet auf eine bunte Sammlung an Schaufeln, Eimern und Sandförmchen. “Wo habt ihr das denn alles her?”, staunt José. “Ach, du weißt doch, wie die Menschen sind”, sagt Theo und rümpft den Schnabel, “Überall lassen sie ihr Zeug liegen. Fischbrötchen, Pommes, Sandspielzeug, du würdest dich wundern, was wir alles finden. Also, lass uns loslegen!” 

“In Ordnung”, José holt tief Luft. “Als erstes hebe ich den Burggraben aus. Mit dem Sand bau ich einen Berg, so hoch wie möglich. Am Schluss kommt der Turm und die Verzierungen. Tin und Theo, ihr könnt Muscheln und Stöckchen suchen und alles, was ihr sonst noch Schönes findet.”

Das Sandspielzeug ist nicht für Schafklauen gemacht, aber buddeln kann José auch ohne Schaufel. Der Burggraben wird immer tiefer und der Berg wächst. “Gar nicht schlecht”, staunt Theo als sie mit ihren Schätzen zurückkommt, “Auch wenn du inzwischen eher wie ein Wildschwein aussiehst, als wie ein Schaf.” José wischt sich den Sand von der Nase. “Jetzt fehlt noch der Turm. Tin, du kannst schon mit den Verzierungen beginnen, Theo, du musst mir mit der Schaufel helfen.” Mit vereinten Kräfte schaffen sie es, den Eimer zu füllen und auf die Burg zu kippen. “Das soll ein Turm sein?”, fragt Theo und betrachtet den Sandhaufen. “Passt doch auf”, schimpft Tin, “Ihr grabt meine schönen Muscheln wieder ein!” 

“Komisch”, murmelt José, “Wir haben es doch genauso gemacht wie die Kinder.” 

“Egal, gleich nochmal”, muntert Theo ihn auf. Doch das zweite Mal wird auch nicht besser. Sie versuchen es noch drei, vier, fünf Mal, aber statt eines schönen, runden Turms, zerbröselt der Sand immer nur zu weiteren Sandhäufchen. “Ihr macht das falsch!”, meckert Tin. “Mach’s doch besser!”, meckert Theo zurück. “Werd ich auch”, knurrt Tin und schnappt sich die Schaufel. “Das ist meine Schaufel”, faucht Theo, “Such dir eine eigene!” Und schon fliegen die Federn. “Psst, seid doch bitte leise!”, flüstert José, aber die schimpfenden Möwen hören ihm gar nicht zu. “So werden wir nie fertig”, versucht José zu erklären, “Wir haben doch genug Schaufeln! Wenn ihr jetzt einfach-” Er erstarrt. Ein Lichtfleck tanzt über die Sandburgen. Eine Taschenlampe. Die Strandwache! 

Die Möwen haben ihren Streit vergessen. “Ich hab ja gesagt, das war eine dumme Idee”, zischt Theo und lässt die Schaufel fallen. “Los, versteck dich!”, flüstert Tin noch, dann schwingen sich beide in den Nachthimmel empor und sind verschwunden. José sieht sich panisch um, wo soll er sich hier nur verstecken? Der Burggraben der Monsterburg! Er springt gerade noch rechtzeitig hinein, schon gleitet der Strahl der Taschenlampe über die Burgzinnen. José presst sich tiefer in den feuchten, kalten Sand. Der Strahl der Taschenlampe streift seine Sandburg – und das Sandspielzeug, das noch darum verstreut ist. Der Strahl hält kurz inne, wandert über die Schaufel und den halbvollen Eimer. Schwere Schritte schlurfen durch den Sand. Und dann taucht die Strandwächterin auf. 

Illustration: José versteckt sich im Burggraben und hofft, dass ihn die Strandwache nicht entdeckt.

Sie geht direkt auf die Sandburg zu und sieht sich misstrauisch um. José hält die Luft an. Dann bückt sie sich und hebt etwas auf … Ein Stück Schafwolle! Entsetzt schließt José die Augen, jetzt ist alles vorbei. Etwas kratzt und schabt über den Sand. José kneift die Augen noch fester zusammen, aber das macht die Geräusche noch gruseliger. Vorsichtig öffnet er ein Auge einen Spalt breit. Die Wächterin hält Theos Schaufel in der Hand! Und damit … füllt sie den Eimer? 

José öffnet beide Augen und sieht verblüfft zu, wie die Strandwächterin den Eimer randvoll mit Sand füllt, ordentlich festklopft und dann einen perfekten, makellosen Turm in die Mitte der Sandburg setzt. Oben drauf steckt sie die Möwenfedern und ein Stöckchen mit dem Fetzen Wolle. 

Im nächsten Moment knackst ihr Funkgerät. Eilig klopft sie sich die Hände ab und rückt die Uniform zurecht. Dann wirft sie noch einen zufriedenen Blick auf ihr Kunstwerk und stapft weiter den Strand entlang. 

José wartet, bis der Strahl der Taschenlampe fast nicht mehr zu sehen ist, dann krabbelt er aus dem Burggraben. Die Schafwolle auf der Turmspitze weht leicht im Wind. Es ist die schönste Sandburg, die José jemals gesehen hat. Zufrieden umrundet er ihr Gemeinschaftswerk. Von den Möwen ist natürlich weit und breit nichts zu sehen. “Verfilzt und wollgewickelt, die werden sich wundern, wenn sie das hier morgen sehen”, denkt José zufrieden. Dann schüttelt er sich den Sand aus dem Fell und gähnt. Höchste Zeit ins Bett zu gehen, bevor die Wächterin eine zweite Runde dreht und ihn doch noch erwischt. “Das mit dem Festklopfen muss ich mir merken”, denkt José noch und dann macht er sich auf den Weg zurück zum Deich. 

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