Pia Piratin

“Du gehst aber nicht alleine ins Wasser!”, ruft Papa Pia hinterher. “Und nicht so weit weg, es gibt gleich Kaffee und Kuchen!”, ruft Papi. “Ich kann euch nicht hören!”, schreit Pia zurück und springt die letzten Stufen zum Strand herunter. Pah, Kaffee und Kuchen, das ist nichts für Pirat:innen!

Der Strand ist leer, weit und breit ist niemand zu sehen. Kein Wunder, denn bisher hat es jeden Tag geregnet. Papi und Papa wollten eigentlich in der Sonne liegen und Pia endlich Schwimmen beibringen, aber dafür ist es viel zu kalt. Gestern Nacht hat es sogar gestürmt. Jetzt ist es grau und trübe, aber der Wind hat sich gelegt und die Wellen schwappen leise an den Strand. Pia will unbedingt gucken, ob der Sturm echten Bernstein an den Strand gespült hat. Tatsächlich liegt jede Menge Zeug rum, hauptsächlich Algen und ziemlich viel Müll. Über dem Wasser liegt Nebel. Wenn sie ein echtes Piratenschiff hätte, würde sie darin den reichen Kaufleuten auflauern. 

Pia geht langsam den Strand entlang, die Augen fest auf den Sand geheftet. Sie ist auf Schatzsuche. Irgendwo hier muss sie sein, die geheimnisvolle Bernsteinkrone. Das Versteck hat ihr ein Matrose verraten, nachdem sie ihn vor dem Klabautermann gerettet hat. Zweihundertsiebenundachtzig Schritte am Strand entlang, dann muss sie graben. Sie ist bei Schritt einhundertvierundzwanzig, als plötzlich eine raue Stimme poltert: “He, vorsichtig junge Dame!”

Vor Pia steht ein riesiger, gelber Regenmantel. Daraus gucken sie zwei meerblaue Augen aus einem wettergegerbten Gesicht an. “Eine echte Piratin”, haucht Pia. Der Regenmantel hat sich wieder umgedreht und schiebt ein altes Ruderboot ins Wasser. Ausgeblichene Farbe blättert vom grauen Holz. Es ist das schönste Piratenschiff, das Pia je gesehen hat. “Ist das dein Schiff?”, fragt Pia. Der Regenmantel grunzt. “Gehst du auf Schatzsuche?” Ein trockenes Husten, nein, ein Lachen, heiser wie Möwengeschrei. Das Boot ist jetzt fast im Wasser. Pia fasst sich ein Herz. “Darf ich mitfahren? Bitte!” Der Regenmantel dreht sich um und nimmt die Pfeife aus dem Mund. Dann mustern die meerblauen Augen Pia gründlich von oben bis unten. “Nee, du”, sagt die Piratin schließlich, “vielleicht wenn du größer bist und dich der Wind nicht über Bord pustet.” Damit gibt sie dem Boot einen kräftigen Schubs und platscht hinterher. “Nächstes Jahr?”, ruft Pia ihr hinterher, doch das Boot ist schon im Nebel verschwunden. “Wenn du einen Schatz suchst, würde ich es mal bei den Wellenbrechern versuchen!”, tönt es da über das Wasser. 

Bei den Wellenbrechern! Pia rennt über den feuchten Sand zu den Holzpfosten, die einen langen Pfad vom Strand bis ins Wasser bilden. Die angespülten Muscheln, Algen, Plastikflaschen und Reste von Fischernetzen hat der Sturm hier zu einem richtigen Berg aufgetürmt. Ein Schwarm Möwen kreist darüber und fliegt kreischend weg, als Pia näher kommt. Ob die hier nach Krabben gesucht haben? Vorsichtig bahnt Pia sich einen Weg durch die stinkenden Glibber-Algen und späht ins Wasser. Da platscht und spritzt etwas. 

Pia traut ihren Augen kam: Im Wasser schwimmt eine winzige Meerjungfrau! Sie sieht ganz zerzaust aus und in ihren grünen Haaren steckt eine Möwenfeder. Sie ist kaum größer als Pias Hand, aber als sie sie entdeckt, guckt sie so böse, dass Pia einen Schritt zurück stolpert. Staunend hockt sie sich hin. Die Nixe spuckt ihr einen Schwall Salzwasser ins Gesicht. Da sieht Pia, dass neben ihr noch etwas im Wasser zappelt. Eine zweite Nixe hat sich in einem der angeschwemmten Plastiknetze verheddert und versucht verzweifelt sich zu befreien. “Halt still, ich kann euch helfen!”, flüstert Pia beschwörend und streckt vorsichtig ihre Hände aus. Die erste Nixe zerrt noch heftiger an der zweiten und streckt Pia wütend die Zunge raus. “Ich tu euch nichts!”, wispert Pia so beruhigend wie möglich. Ganz langsam greift sie nach dem Netz. Die gefangene Nixe zappelt jetzt nicht mehr, sie ist ganz starr vor Schreck. Pia murmelt beruhigend: “Gleich bist du frei, nur noch ein ganz kleines Stückchen…”, während sie versucht, das Netz zu lösen. Leicht ist das nicht, ihre Finger sind kalt und nass und das Seil kratzt und piekst. Die Nixe beobachtet jede ihrer Bewegungen. Sie hat grüne Haare und einen grünen Bart. Endlich hat Pia den richtigen Knoten gefunden: Sie löst die Schlaufe, die sich um das dicke Bäuchlein der Nixe gewickelt hat und schwupps, flutscht sie ihr auch schon aus den Händen und platscht ins Wasser. Wie der Blitz sind die beiden verschwunden.

Pia schaut ihnen enttäuscht hinterher. Vom Nebel verschluckt, und sie muss schon wieder am Strand bleiben. Da plätschert es und zwei kleine, grüne Köpfe tauchen auf. Die beiden Nixen! Die Bärtige hält etwas in den Händen und streckt es Pia schüchtern entgegen. Ein brauner Stein, der erstaunlich leicht ist, als Pia danach greift. Ein echter Bernstein! “Danke!”, flüstert Pia und schließt ihre Hand fest um ihren Schatz. Die bärtige Nixe winkt ihr noch einmal zu, die andere streckt ihr freundlich die Zunge raus. Dann tauchen sie ab und sind verschwunden.

Pia und die Nixen

Schreibe einen Kommentar