Ab ins Bett

“Ich will aber noch nicht Zähne putzen!” Es ist das gleiche Theater wie jeden Abend. Semih stöhnt und verdreht die Augen. “Darüber haben wir doch schon geredet”, versucht er es in einem ruhigen, vernünftigen Tonfall. Aber die Zahnbürste ist bockig: “Ich will aber nicht!”

“Aber meine Zähne brauchen dich!”, probiert Semih es noch einmal. “Ich bekomme sonst Karies!” Aber die Zahnbürste bleibt stur: “Nicht mein Problem, kannst ja weniger Süßigkeiten essen.”

“Niemand putzt meine Zähne so schön wie du”, schmeichelt Semih, “Die Zahnärztin in der Schule hat mich vor der ganzen Klasse gelobt!” Die bockige Bürste schweigt, deshalb redet Semih schnell weiter: “Zwei Kinder wollten in meinen Mund gucken! Und ich hab noch kein einziges Loch, nicht mal in den Milchzähnen. Nur, weil du immer so schön putzt!” “Ja, ich muss immer nur putzen, putzen, putzen”, mault die Zahnbürste, “Ich will auch mal was Schönes mit dir machen!” “Was denn zum Beispiel?”, fragt Semih. “Einen Film gucken!”, sagt die Zahnbürste. “Das geht jetzt nicht, dafür ist es schon zu spät”, widerspricht Semih. “Dann will ich auch nicht Zähne putzen!” Semih überlegt. “Am Wochenende kann ich dich vielleicht mal mitnehmen. Morgen ist Samstag, wenn wir mittags mit Zähne putzen fertig sind, dann können wir was angucken.” “Erst morgen Mittag?!”, ruft die Bürste empört, “Bis dahin muss ich dir ja noch dreimal die Zähne putzen! Ich will aber jetzt was Schönes machen! Dann sing mir was vor!” Das ist Semih ein bisschen peinlich, aber er singt ganz schnell und ganz leise ‘Alle meine Entchen’. “Zu kurz! Nochmal! Und lauter, ich hör ja gar nichts!”, beschwert sich die Zahnbürste. 

Semih ist gerade beim dritten Durchgang, als Yeliz den Kopf durch die Tür streckt. “Solltest du nicht Zähne putzen?” “Ja-ha”, sagt Semih genervt, “Ich bin gleich fertig!” Yeliz zieht die Augenbrauen hoch und die Tür zu. “Hast du gehört?”, zischt Semih der Zahnbürste zu, “Wir müssen jetzt wirklich Zähne putzen!” “Ich mag aber nicht”, mault die Bürste, aber es klingt schon nicht mehr ganz so störrisch. “Ich spül dich danach auch extra lange ab”, verspricht Semih. “Ich will vorher schon abgespült werden! Aber mit warmen Wasser!”, ruft die Zahnbürste. Erleichtert dreht Semih den Wasserhahn auf und hält die Zahnbürste in den warmen Strahl. “Aua, nicht so heiß!”, schimpft die Zahnbürste, “Iiih, jetzt ist es zu kalt… Nein, wärmer, nicht weniger Wasser!”

“So, das reicht”, sagt Semih und greift nach der Zahnpasta. “Ach nö”, mault die Zahnbürste, “Schon vorbei? Meine Borsten sind doch noch gar nicht richtig nass geworden!” Semih dreht den Wasserhahn blitzschnell bis zum Anschlag auf; das Wasser spritzt in alle Richtungen. “Nochmal!”, jubelt die Zahnbürste begeistert. Papa öffnet die Tür: “Setzt du schon wieder das Badezimmer unter Wasser? Du sollst doch Zähne putzen!” “Ja-ha, ich bin gleich fertig!”, brummt Semih und schmiert blitzschnell Zahnpasta auf die Bürste. Papa macht die Tür zu und Semih wendet sich wieder der Zahnbürste zu. “Nur so wenig Zahnpasta?”, nuschelt die. “Eine Erbsengröße!”, erklärt Semih zum hundertsten Mal. 

“Ich will noch einen Schluck Wasser trinken, ich hab so Durst”, bettelt die Zahnbürste. “Ernsthaft?!”, schimpft Semih, “Ich hab doch gerade die Zahnpasta-” “Wenn ich kein Glas Wasser bekomme, mach ich gar nichts”, schimpft die Bürste zurück. 

Zähneknirschend füllt Semih den Zahnputzbecher mit Wasser und tunkt die Zahnbürste vorsichtig hinein. Dabei horcht er, ob Papa schon wieder kommt, aber draußen ist es ruhig. Endlich lässt sich die Zahnbürste in den Mund schieben. Semih putzt so schnell es geht, da steckt Mama den Kopf durch die Tür: “Du putzt aber bitte ordentlich, ja?” “Ga-ha”, knurrt Semih zurück, den Mund voller Schaum. 

Als drei Minuten um sind, spült er sich erleichtert den Mund aus. Er will sich gerade die Hände abtrocknen und verschwinden, da fragt die Zahnbürste etwas verlegen: “Du, Semih?” “Ja, was ist denn?” “Gibst du mir noch einen Gute-Nacht-Kuss?” “Was?” “Och bitte… dann bin ich morgen früh auch ganz lieb, versprochen!” Widerstrebend nimmt Semih die Zahnbürste wieder aus dem Becher, dann drückt er ihr schnell ein Küsschen auf. “Ich hab dich lieb, Semih!”, wispert sie ihm zu. “Ich dich auch”, seufzt Semih. Yeliz reißt die Tür auf: “Bist du jetzt fertig?” “Ja-ha”, stöhnt Semih und schlüpft an ihr vorbei und endlich in sein Bett.   


“Wieso hast du schon das Licht ausgemacht?” – “Es ist doch noch voll früh!” – “Ich bin noch gar nicht müde!”, die Kuscheltiere sind empört, Semih zieht sich die Bettdecke über den Kopf. Hört das denn nie auf?

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