Das innere Team

“Ich will aber nicht!”, wütend rennt Valentina auf ihr Zimmer und knallt die Tür zu. Ein Puzzle zum Geburtstag, sowas Blödes! Gewünscht hatte sie sich ein Feuerwehrauto, mit richtigem Blaulicht und Leiter. Manchmal haben Erwachsene echt keine Ahnung. Valentina wirft sich aufs Bett und boxt in ihr Kissen. 

“Weißt du noch, zu Weihnachten hast du auch schon einen Tuschkasten bekommen, obwohl du lieber Buntstifte wolltest”, zischelt ihr auf einmal ein kleines, fieses Stimmchen ins Ohr. Valentina sieht sich erschrocken um. Auf ihrem Bett sitzt ein kleines, dünnes Ding, mit gemeinen, grünen Augen. “Ich mein ja nur”, grinst es sie an und entblößt dabei spitze Zähne, “Das ist doch irgendwie auffällig…” 

“Meinst du, sie haben uns gar nicht lieb?”, flüstert ein anderes Stimmchen, das ganz zittrig klingt. Etwas lugt ängstlich unter der Bettdecke hervor. Ein Etwas mit großen, runden Augen. Mit den plüschigen Ohren und der zitternden Nase sieht es ein bisschen aus wie ein Kaninchen. “Ich meine gar nichts”, flötet das erste Monsterchen und lacht dreckig und gemein. 

“Uns nicht lieb haben?!”, dröhnt ein knallrotes Monster und springt vom Regal, “Das wäre ja noch schöner! Den werden wir es zeigen! Das wird ihnen noch leid tun! Wir gehen jetzt, jawohl! Und dann-” 

“Und dann, dann, dann wird uns niemand vermissen!”, heult das nächste Stimmchen, es gehört zu einem blauen Wabbelmonster, über dessen Kopf eine kleine Regenwolke schwebt. “Sie werden gar nicht merken, dass wir weg sind. Wir sind ganz, ganz allein, oh weeeh”, schluchzend bricht das Monsterchen zusammen. “Das ist schlimm, ganz schlimm!”, jammert das weiße Kaninchen und hält sich die Augen zu. 

“Jetzt reißt euch mal zusammen”, ärgerlich stolziert die nächste Figur über die Bettdecke. Sie sieht ein bisschen aus wie Juan, der große Bruder von Valentinas bester Freundin Laura. Er verdreht auch genauso genervt die Augen, obwohl er kaum größer ist als Valentinas Hand. “Merkt ihr nicht, wie albern und kindisch ihr seid?” 

Das löst einen Sturzbach von Tränen bei dem blauen Trauerkloß aus. Das weiße Kaninchen versucht panisch, sich hinter dem roten Monster zu verstecken. Das wiederum fängt an, kleine Flammen in Richtung des ersten Fieslings zu spucken. Der lacht nur und streckt ihm die Zunge raus, was das Flammenmonster noch mehr in Rage bringt. Innerhalb von Sekunden ist eine richtige Prügelei im Gange. 

Valentina starrt entsetzt auf den bunten Haufen auf ihrer Bettdecke. “Haaalt!”, brüllt die Mini-Version von Juan und tatsächlich kehrt für einen Moment Ruhe ein. Das nutzt Valentina aus: “Wer seid ihr? Und was wollt ihr hier?”

Verdutzt starrt der Haufen sie an. “Meinst du das ernst?”, fragt Mini-Juan und zieht die Augenbrauen hoch. Aus den Ohren des roten Monsters kräuselt Rauch und es ballt die Fäuste. Mini-Juan seufzt theatralisch und deutet auf die Schar auf dem Bett: “Das hier sind deine Gedanken und Gefühle. Und ich”, er wirft sich in die Brust, “bin die Stimme der Vernunft.” “Zumindest glaubt sie das”, flüstert das fiese Monster dem roten zu, natürlich so laut, dass es alle hören können. 

“Ihr seid meine Gedanken?”, fassungslos lässt Valentina den Blick über sie schweifen. In dem wilden Haufen ist kein einziger, den sie nett findet. Da ploppt auch schon das nächste auf, es ist zartrosa, trägt ein Krönchen und sieht die anderen genauso angewidert an, wie Valentina sich fühlt. “Moin Ekel”, nickt das gemeine Monster ihm zu und grinst dann Valentina an, “Und das sind noch nicht alle. Den inneren Schweinehund hab ich schon lang nicht mehr gesehen, aber Eifersucht treibt sich bestimmt irgendwo rum und das schlechte Gewissen lässt eigentlich auch nie lang auf sich warten. Traurigkeit hat es wieder nicht aus dem Bett geschafft, aber dafür ist ja Selbstmitleid hier. Und Wut und Zweifel sind natürlich auch da, auf die kann man sich verlassen.”

“Und wer bist du?”, fragt Valentina. “Wer ich? Ach, nur das Gemeine Nichts”, das Gemeine Nichts entblößt noch einmal die gelben Zähne und verschwindet mit einer Verbeugung hinter Wut. “Beachte mich gar nicht.” Dann flüstert es Wut etwas ins Ohr. Wut wird noch röter und geht brüllend auf die Stimme der Vernunft los und schon ist die Prügelei wieder im Gange. 

“Pah, am liebsten würde man sich einfach umdrehen und gehen!”, Ekel klopft sich den Rock ab und setzt sich neben Valentina. “Aber es hilft ja nichts: Wir gehören alle zusammen und wir gehören alle zu dir.” “Es ist schre-he-hecklich!”, das blaue Selbstmitleid wirft sich heulend auf Valentinas Schoß. Hilflos tätschelt sie ihm den Kopf, was nur noch mehr Tränen hervorruft. Ekel rutscht demonstrativ ein Stück zur Seite. 

“Das bin alles ich?”, flüstert Valentina. “Oh nein”, sagt die Stimme der Vernunft und streckt den Kopf hervor, natürlich verdreht sie dabei die Augen. “Du verstehst es mal wieder ganz falsch. Wir sind deine Gedanken und Gefühle. Das Ich ist etwas ganz anderes.” 

Valentina kratzt sich am Kopf und plop, plop, tauchen zwei neue Gestalten auf. “Das ist Verwirrung”, stellt die Stimme der Vernunft die erste Gestalt vor, die prompt über ihre Füße stolpert. Die Vernunft schüttelt missbilligend den Kopf: “Sie sollte dir eigentlich bekannt vorkommen.” Wut stampft mit dem Fuß auf, aber die Stimme der Vernunft wendet sich schon der zweiten Gestalt zu und klingt dabei gar nicht begeistert: “Erleichterung, was machst du denn hier?” Erleichterung beachtet sie gar nicht, sondern strahlt Valentina an: “Wie schön, dich wiederzusehen! Ich hoffe, du hattest keinen zu schlimmen Nachmittag. Aber jetzt bin ich ja da, dann wird der Rest gleich verschwinden.” 

Tatsächlich, Wut löst sich gerade in ein kleines Rauchwölkchen auf und an Selbstmitleid erinnert nur noch der nasse Fleck auf Valentinas Hose. Valentina sieht sich um, auch die anderen scheinen verschwunden zu sein, nur Verwirrung stolpert noch im Kreis herum. Aber auch die Erleichterung löst sich langsam auf. “Hey, warte!”, ruft Valentina, “Wieso geht ihr denn jetzt alle weg?” 

“Oh, wir bleiben nie lange”, erklärt die Erleichterung, “Meistens bemerkt man das nur nicht. Aber wir sehen uns bestimmt bald wieder.” Sie winkt Valentina zum Abschied zu. “Aber was meinte Juan – ich meine die Vernunft – damit, dass Ich etwas anderes bin?”, ruft Valentina. “Ach, die macht sich gerne wichtig, beachte sie gar nicht”, das letzte Zwinkern der Erleichterung hängt noch einen Moment in der Luft, “Wir kommen und gehen, aber Du bist immer da!” Dann ist Valentina wieder allein in ihrem Zimmer. 

Nein, nicht ganz allein. An ihre Brust klammert sich ein leuchtendes, warmes Fellbällchen. Lächelnd streichelt Valentina mit den Fingerspitzen darüber, dann öffnet sie die Tür und geht in die Küche. Auf dem Tisch sitzt ein Wutmonster mit verschränkten Armen und funkelt sie böse an. Daneben steht ein großer, runder Klops, der verlegen von einem Bein aufs andere tritt und die Hände ringt. “Kann ich noch ein Stück Kuchen haben?”, fragt Valentina und rutscht auf ihren Stuhl, die Freude auf ihrer Brust ist zu einem ganz kleinen Funken zusammengeschrumpft. “Natürlich mein Schatz”, Mama greift nach ihrem Teller. Plop, ist das Wutmonster verschwunden, der Klops zupft an Mamas Ärmel. “Das mit dem Geschenk tut mir leid”, sagt Mama und legt ein extra großes Stück Kuchen auf Valentinas Teller. “Macht doch nichts”, murmelt Valentina und stochert mit der Gabel im Kuchen herum, “Wir können ja gleich zusammen puzzeln?” 

“Ja, gerne”, Mama lächelt sie an, “Und außerdem… es sollte eigentlich eine Überraschung werden, aber du bekommst das Feuerwehrauto morgen, wenn du zu Papa fährst.” 

“Danke!”, stammelt Valentina und die Freude auf ihrer Brust wird so groß und leuchtend, dass sie auch zu Mama rüberschwappt.

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