Können wir jetzt los?

“Ich muss auch mal!”, Kim rüttelt an der Badezimmertür. Natürlich abgeschlossen. “Wie lange dauert das denn noch?” “Immer mit der Ruhe!”, poltert es von drinnen, “Hast du schon meine Thermoskanne eingepackt?” “Ja-ha”, stöhnt Kim, “und dein Taschenmesser und die karierte Tischdecke auch!” “Und was ist mit dem Kerzenständer?” “Zum Picknicken? Draußen scheint die Sonne!”, Kim ballt die Fäuste und wirft der Badezimmertür einen bösen Blick zu, aber die Tür ist genauso unbeeindruckt wie Molly. Die planscht in der Badewanne und erklärt seelenruhig: “Ein Picknick ohne Kerzenständer ist wie ein Sommer ohne Picknick! Und nimm die guten Kerzen! Die roten, aus der obersten Schublade.” “Kann ich dann vielleicht auch mal aufs Klo?”, faucht Kim, “und können wir dann endlich los?” “Vergiss nicht, auch ein Feuerzeug einzupacken!”, ruft Molly vergnügt und dreht die Dusche auf. 

Zum Kerzenständer gesellen sich noch ein Kartenspiel, Mollys Ersatz-Sonnenhut und Taucherbrille und natürlich die sand-, wind- und wasserfeste Bluetooth-Box für die vorbereitete Playlist mit dem Titel Picknick am Strand – Lieder für die ganze Familie zum Mitsingen. Fassungslos starrt Kim auf den riesigen Haufen. Bertha hat es sich auf den bestickten Tischsets gemütlich gemacht, Jaspar versucht die Hängematte zu fressen. Strahlend stolziert Bertha aus dem Badezimmer, über ihrem riesigen, tätowierten Arm baumelt ein Papier-Sonnenschirmchen. “Seid ihr dann soweit? Von mir aus kann es losgehen!” “Ich bin schon lange fertig”, brummt Kim. 

Sie schaffen es nicht mal bis zur Haustür. Molly ächzt und keucht, obwohl Jaspar die Angelausrüstung samt Kescher trägt, Bertha den Liegestuhl zieht und Kim unter dem vollgestopften Picknickkorb fast zusammenbricht. “Es hilft nichts! Wir brauchen den Bollerwagen!”, stöhnt Molly und lässt sich erschöpft aufs Sofa fallen. “Den holst du aber vom Dachboden!”, schimpft Kim und verschränkt die Arme. “Vom Dachboden?”, jammert Molly, “wieso denn vom Dachboden? Der Bollerwagen sollte doch im Fahrradkeller stehen!” “Brandschutzbestimmung”, knurrt Kim. “Na gut”, murrt Molly, “hast du die Taschenlampe gesehen?”

Die Taschenlampe ist schnell gefunden, aber die Batterien sind alle. Molly versucht es mit schütteln und schimpfen, aber das bringt natürlich gar nichts. “Wieso hat denn niemand neue Batterien gekauft?”, grummelt Molly und wühlt vergeblich in der Küchenschublade. Sie probieren es mit den Batterien aus der Fernbedienung, der Computermaus und der Küchenwaage, aber nichts passt. Endlich werden sie im Wecker fündig. Zufrieden knipst Molly die Taschenlampe an und klettert auf den Dachboden. “Da ist ja das gute Stück”, brummt sie und zieht den Bollerwagen hinter einem Stapel Umzugskartons hervor. Er wird von einer Staubwolke begleitet, die Molly in der Nase kitzelt. “Wie soll man in dem Staub denn die Stufen sehen”, knurrt sie ärgerlich, “Kim, kannst du mir helfen?”, “Ja, gleich, warte!”, ruft Kim von unten, aber da muss Molly gerade niesen: “Haaatschi! Ich soll starten? Kein Problem!” “Nein, warten!”, ruft Kim von unten, aber es ist schon zu spät. 

Kim kann gerade noch ausweichen, als der Bollerwagen holterdipolter die Treppe hinunterstürzt. Kawumm! kracht er gegen die Wand. “Heh!”, ruft Molly von oben, “Was machst du denn da?” “Ich hab gar nichts gemacht!”, zetert Kim, “Aber der Bollerwagen ist jedenfalls kaputt! So kommen wir nie los!”

Als sie mit dem kaputten Bollerwagen den Hausflur erreichen, wartet Bertha schon auf sie. Jaspar liegt inmitten von Papierschirmchen und Muffinförmchen und flattert schwach mit den Flügeln. “Jaspar!”, Kim stürzt ihm entgegen. “Die Käseplatte!”, jammert Molly und stürzt hinterher, “und die Salted-Caramel-Cheesecake-Frappuccino-Muffins!” 

Jaspar bekommt eine Wärmflasche und einen Kräutertee, während Molly die übrig gebliebenen Käsespieße inspiziert und die traurigen Muffin-Reste mit Sahnecreme und bunten Streuseln notdürftig wieder herrichtet. Zufrieden wischt sie sich die Hände ab. “So! Jetzt können wir den Bollerwagen reparieren!” “Können wir nicht einfach ein paar Sachen hierlassen?”, stöhnt Kim, aber Molly lässt sich davon nicht beirren: “So ein Quatsch! Das haben wir gleich!”

Kim muss eingenickt sein, denn Bertha stupst xien mit ihrer feuchten Nase wach. Molly schraubt gerade das letzte Ersatzrad an den Bollerwagen. Sobald der fehlende Kerzenständer und die verschollene Pfeffermühle in Jaspars Schnabel entdeckt werden, können sie den Bollerwagen ohne weitere Verzögerungen beladen. 

“Na endlich!”, seufzt Kim als xier die Haustür öffnet. Da fällt ein Tropfen auf xiese Nase. Und noch einer. Dann regnet es auf einmal in Strömen. Heiße Wut steigt in Kim auf. Vor Enttäuschung treten xiem die Tränen in die Augen. “Tut mir leid”, brummt Molly verlegen und legt ihren schweren Arm um Kim. “Schon okay”, schnieft Kim und wischt sich wütend mit dem Ärmel über die Nase, “War sowieso eine dumme Idee! Nächstes Mal geh ich alleine picknicken!” “Na, na, na”, grummelt Molly, “Kopf hoch! Ich hab da so eine Idee…”

“Mmmh, die Muffins sind prima! Kann ich noch einen haben?”, Kim stopft sich den letzten Bissen Caramel-Cheesecake in den Mund. “Nimm sie alle”, stöhnt Molly und streichelt ihren kugelrunden Bauch, “Ich kann nicht mehr!” “Nicht mal einen Käsespieß?”, Kim hält ihr grinsend die Käseplatte unter die Nase. “Geh bloß weg!”, schimpft Molly, “Die kannst du Jaspar geben! Das nächste Mal gibt es nur Knäckebrot und Apfelschorle!” “Von mir aus”, Kim lehnt sich zufrieden zurück. “Dann kommen wir vielleicht auch früher los.”

Ende

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